Klingeln bei Klinger.

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DSC_0494Kopfüber hänge ich in der Badewanne, das Haar schäumt. Eine dicke, weisse Schicht ziert mein Antlitz: „Totes Meer, Erholung“ stand auf der Packung. Tot fühl ich mich auch, brauch dringend Erholung. Ich versuche eben, die Spuren meiner nächtlichen Eskapaden zu verwischen. „Ding-dang-dong“. An der Türe klingelt es. Ich erwarte niemanden. „Ding-dang-dong, ding-dang-dong“. Es klingelt Sturm. Ich spüle gelassen den Schaum aus meinem Haar. „Klopf, klopf“. Oh je. Der Feind steht direkt vor der Türe. Ob die Nachbarin frische Eier braucht? Mein Kühlschrank ist leer. Wie immer. Bier hätt ich noch. „Plonk“. Eben drückt jemand die Türfalle runter, versucht, auch ohne Einladung in mein Reich einzudringen.

What the hell? Vielleicht brennt die Hütte? Das Handtuch um den Kopf gewickelt, guck ich vom Balkon runter. Ein Polizeiauto steht da. Zwei Polizisten betrachten einen verwitterten VW-Bus. Daneben, auf der Wiese, liegt ein Surfbrett. Ob sich jemand für den Silver Surfer hielt und vom Balkon sprang? Ich komme als Mörderin nicht in Frage. Mein Balkon liegt auf der anderen Seite. Ich glaube, ein Stück Zelt zu sehen. Ob jemand auf dem Rasen campiert? „Es muss die Klinger sein“, höre ich in Gedanken die Nachbarn sagen, „die läuft schon immer so komisch rum, und was da für Leute ein und aus gehen…“. Vielleicht ist es auch die Plane mit der Leiche.

„Ding-dang-dong“. Ich bin eben der Dusche entstiegen, noch immer nackt, was soll der Terror an einem heiligen Sonntag? Hoffentlich ist es wenigstens ein schöner Polizist…?! Ich werf mir was über. Spähe durchs Guckloch. Niemand da. Also wenn die mich verhaften wollen, sollen sie mich gefälligst holen. Die Gegensprechanlage funktioniert nicht. Ich lass doch nicht einfach jeden ins Haus. Am Ende heisst es noch „Erwachet!“ oder ein Mobilfunkverkäufer klemmt seinen Fuss in meine Tür.

Eine Stunde später: „Ding-dang-dong“. Na gut, dann geh ich jetzt doch mal runter. So schlimm kann’s ja nicht sein, sonst hätten die mir schon längst die Türe eingetreten und das Sturmgewehr ins Nasenloch gesteckt. Im Hausflur begegne ich dem Hauswart. „Wissen Sie, warum es bei mir den lieben Tag lang klingelt?“. Er wirkt verblüfft, überlegt kurz, jetzt ist es ihm klar. „Ja, die suchen Frau Klingler aus dem 4. Stock. Die ist aus dem Pflegeheim abgehauen“. Meine Namensvetterin. Eine freundliche, ältere Dame, die immer wieder von Neuem erstaunt ist, dass ich ihren Namen kenne. Kein Wunder, entflieht sie aus dem Pflegeheim. Sie wird vergessen haben, dass sie jetzt dort wohnt. Ein GPS-Sender käme wohl günstiger als dieses Polizeiaufgebot.

Auf dem Bildschirm flimmert ein Krimi. Gleich wird sich herausstellen, warum dieser Kerl all die Frauen erstochen hat. „Ding-dang-dong“. Ich seufze und versuche ächzend, mich vom Sofa zu erheben. Zu meinem Bandscheibenvorfall am Hals hat sich nun noch ein Hexenschuss im Kreuz gesellt. Wenn man mich in ein Pflegeheim stecken wollte, ich schwöre, ich würde gern dort bleiben.

Unten vor der Haustüre tummeln sich, schnittig in Polizeiuniform gekleidet, zwei hochattraktive, ahm, Blondinen. Heute gönnt man mir auch gar nichts. Ich kläre auf, dass ich nicht aus dem Pflegeheim entwichen bin: „Klinger – Klingler, Sie haben am falschen Ort geklingelt“. Hiesse jemand im Hause Lüthi, die hätten wohl auch dort geläutet. Oder bei Schellenbergs geschellt. Die Damen schmunzeln und entschuldigen sich.

Der Krimi ist zu Ende. Warum die Frauen ermordet wurden, weiss ich jetzt auch nicht. Vermutlich habe sie einem Fremden die Tür geöffnet. Bewaffnet mit nem Teller Nudeln mach ich’s mir wieder gemütlich. „Ding-dang-dong“. Das Erinnerungsvermögen der Polizei scheint nicht viel besser zu sein als das der dementen Flüchtigen. Nochmals aufstehen, autsch mein Rücken, drück jetzt ganz einfach den Türöffner. Morgen häng ich ein Schild hin: Wenn die Spitex kommt, soll sie bei mir bitte auch mal durchklingeln.

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